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Naturforscher

Steinbrüche

Wertvolle Lebensräume durch Zerstörung?

Ziemlich schlimm sieht es aus, wenn mitten in der Landschaft mit riesigen Geräten der Boden aufgegraben wird, und die darunter liegenden Steine viele Meter tief abgebaut werden.

Wenn dann nach Jahren der weitere Abbau nicht mehr lohnend ist, hat man sich früher schnell darum bemüht, solche „Wunden in der Landschaft“ wieder verschwinden zu lassen. Sie wurden mit Bauschutt aufgefüllt und oft als Müllkippe benutzt, solange es noch keine geregelte Müllentsorgung gab. Waren die Krater voll, kam eine Lage Erde darüber und ein paar Jahre später dachte keiner mehr darüber nach, was da im Untergrund den Boden und das Grundwasser belastete.

Heute hat sich die Einstellung geändert. Wir haben erkannt, dass solche Abbaustellen wertvolle Lebensräume für viele Pflanzen und Tiere sein können und haben einen Teil von ihnen sogar unter besonderen Schutz gestellt.

 

Was macht Abbaustellen so wertvoll?

  • Nährstoffmangel
    Es gibt am Anfang nur wenig Erde in den Gesteinsritzen und auf den Schotterflächen und  diese Erde enthält kaum Nährstoffe. Hier können sich nur Flechten, Moose und kleine Pflanzen ansiedeln, die mit den mageren Bedingungen klarkommen. In unserer normalen Landschaft mit den meist fruchtbaren und gedüngten Böden hätten diese Pflanzen keine Chance, weil sie von den gut genährten Gräsern und Kräutern überwuchert würden. Entsprechend finden wir viele seltene Pflanzen, die woanders keinen Lebensraum mehr haben.

  • Strukturvielfalt
    Es gibt auf kleinem Raum ganz unterschiedliche Standorte für die verschiedensten Hungerkünstler unter den Pflanzen: Schattige kühle Felsritzen und in der prallen Sonne liegendes Fels- oder Schottergestein finden wir dicht nebeneinander.

    Auch die Gesteinsart ist für die Art der sich bildenden Lebensgemeinschaft entscheidend. Manchmal ist ein kleiner Quellhorizont angeschnitten und es tritt Wasser zwischen den Steinen aus. Feuchte und trockene Bereiche wechseln sich ab. Bei stärkerem Wasseraustritt bilden sich auch auf dem Boden des Steinbruchs nasse und trockene Bereiche.

    • Wasser
      Im tiefsten Bereich einer Abbaustelle befindet sich in der Regel ein kleineres oder größeres Gewässer.

    • Lebensraum für Tiere
      Die vielfältigen Standorte  mit oder ohne Bewuchs bieten auch einer Vielzahl von Tieren einen weitgehend geschützten Lebensraum. Verschiedene Vögel, Fledermäuse, Amphibien, Reptilien und Insekten, die in unserer intensiv genutzten Landschaft keine geeigneten Lebensbedingungen mehr haben, finden hier einen geeigneten Ersatz-Lebensraum.

      In unserem Landkreis haben wir eine Vielzahl kleinerer und größerer Abbaustellen mit ganz unterschiedlichem Gestein. In diesem Heft will ich euch Pflanzen und Tiere vorstellen, die in Steinbrüchen mit Diabasgestein vorkommen – einer Gesteinsart, die vulkanischen Ursprungs ist. Wie immer, kann es hier nur eine kleine Auswahl sein.

     

    Pflanzen und Tiere in Steinbrüchen mit Diabasgestein

    Mausöhrchen oder Kleines Habichtskraut wird die Pflanze genannt, deren gelbe Blüten uns im Frühjahr auf den Schotterflächen entgegen leuchten. Seine lang behaarten und dicht am Boden aufliegenden Blätter halten jeden Tautropfen fest, so dass die Pflanze gut mit dem trockenen und warmen Untergrund zurecht kommt. Auch die hübsche Golddistel, eine kleine Schwester der bekannteren Silberdistel, mag diese Umgebung. Zwischen zarten Gräsern können wir zwei Heilpflanzen entdecken – den unscheinbaren Augentrost und die auffallend rot-violett blühenden Thymianpolster.Die Blüten des Thymians sind sehr beliebt bei verschiedenen Schmetterlings- und Bienenarten.

    Selbst zwei Vertreter aus der Familie der Enziangewächse können wir im Spätsommer in einem solchen Steinbruch finden – den Deutschen Enzian und das Tausendgüldenkraut. Beide Pflanzen wachsen nur noch sehr selten bei uns.

    Während auf dem Felsgestein verschiedene Flechtenarten oder ein überraschend auftauchender Kleinschmetterling für interessante Farbtupfer sorgen, wachsen in den Ritzen und Spalten oft wenig bekannte Farnarten (s. Foto 2).

    Die Gefleckte Keulenschrecke, eine seltene Heuschreckenart, hat auf und zwischen den Steinen ihren passenden Lebensraum gefunden und das gilt wohl auch für die besonders gezeichnete Häuschen-Schnecke.

    Für viele Tiere bieten die Steine komfortable Sonnenplätze und schnell erreichbare Versteckmöglichkeiten. Käfer, Eidechsen, die seltene Schlingnatter oder Mäuse können sich unter den Steinen blitzschnell vor dem Feind retten – und der kommt manchmal aus der Luft. Ist das Steinbruchgelände groß genug mit hohen, strukturreichen Felswänden kann sich unsere größte Eulenart, der Uhu ansiedeln und für Nachwuchs sorgen. Dieser große Vogel hat einen gewaltigen Appetit und braucht ein großes Jagdrevier, um genügend Nahrung für sich und seine Jungen zu finden.

    Sonnenplätze werden auch von Libellen gern angenommen, deren Kinderstuben sich im Gewässer des Steinbruchs befinden. Von den verschiedenen Libellenarten wird dir im Sommer mit Sicherheit eine der rot gefärbten Heidelibellen begegnen.

     

    Entwicklung und Pflege von Abbaustellen

    Wie andere Lebensräume auch, verändern sich Abbaustellen im Laufe der Jahre. Diesen Prozess nennt man „Sukzession“. Meist siedeln sich durch Samenflug aus der Umgebung Gehölze an, die langfristig dazu führen würden, dass der Steinbruch mit Bäumen zuwächst. Die Verantwortlichen müssen dann überlegen, ob die entstandene Lebensgemeinschaft des offenen Steinbruchs so wertvoll ist, dass kostenintensive Pflegemaßnahmen für die weitgehende Entfernung von Gehölzen eingesetzt werden sollen.

    Für uns ist wichtig, dass wir selbst alle den Steinbruch pfleglich behandeln. Wenn er öffentlich zugänglich ist, dürfen wir uns neugierig und vorsichtig umschauen. Wir dürfen einen Teil unserer Freizeit dort verbringen, aber danach soll alles wieder so sein, als wären wir nie dort gewesen.

    Hannelore Buchheit